Geschichtlicher Abriß der INVENTIONEN
(Texte von Klaus Ebbeke, aus "Blickwechsel")
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Vorgeschichte und Konzeption
Periode 1982-1986
Krisen-Intermezzo
Periode 1989-1998

a) Vorgeschichte und Konzeption
Nach den Metamusikfestivals der siebziger Jahre fehlte ein regelmäßiges Forum, um Musik von BKP-Gästen (BKP = Berliner Künstlerprogramm des DAAD), deren Schaffen einen eher experimentellen Charakter hatte und deshalb in die Berliner Konzertlandschaft nicht recht zu integrieren war, einem Berliner Publikum vorzustellen. Die unter solcher Perspektive in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste initiierte Konzertreihe "Klangfiguren" nahm eine andere Entwicklung. Daher wurde mit der 1981 in Zusammenarbeit mit dem TU-Studio unter dem Titel "stimmen" veranstalteten Reihe von Konzerten ein neuer Ansatz gesucht, der insbesondere auch der Wechselwirkung von Musik und Technik wieder einen breiteren Raum bereitstellen sollte. 1982 ging aus dem durchaus erfolgreichen Konzept der "stimmen" dann die Reihe der bis 1986 jährlich jeweils im Frühjahr stattfindenden "Inventionen" hervor.
 
Es war die Idee von Anfang an, nicht allein neue - oder auch in Berlin wenig bekannte - Werke von BKP-Gästen aufzuführen; zugleich wurde der Dialog mit der anderen zeitgenössischen Produktion, aber auch mit der Geschichte gesucht. Damit sollte der bloßen Aneinanderreihung von Novitäten ein Gegengewicht geschaffen werden, das durch diese doppelte, sowohl historische als auch zeitgenössische Standortbestimmung das jeweilige Werk schärfer konturiert. Zum anderen war an diese Überlegungen der schüchterne Versuch geknüpft, durch das simple Faktum, auch ältere, in ihrer Qualität jedoch unbestrittene, gleichsam "klassische" Kompositionen zur Aufführung zu bringen, Beiträge zu einer Art elektroakustischen "Repertoirs" zu leisten. Dadurch sollte dem gerade auf dem Gebiet der künstlerischen Arbeit mit technischen Medien weitverbreiteten unreflektierten Fortschrittsglauben ein kleines Korrektiv entgegengesetzt werden.
 
 
b) Periode 1982-1986
Schon das erste Jahr der INVENTIONEN, 1982, zeigte mit seinen vier Abenden dieses dreifache Bemühen. Im ersten Konzert wurden aktuelle Arbeiten von Mario Bertoncini und Sukhi Kang zusammen mit einer ebenfalls im TU-Studio entstandenen Arbeit von Takehito Shimazu und einer Komposition des Berliner Komponisten Roland Pfrengle vorgeführt. Ein Querschnitt durch die neueste Produktion des Stockholmer EMS und eine Aufführung des Wiener K&K Experimentalstudios erweiterten die zeitgenössische Dimension. Der Höhepunkt des Jahres 1982 war der in Zusammenarbeit mit dem WDR veranstaltete Abend mit älteren und neueren elektroakustischen Kompositionen von Iannis Xenakis.
 
Fanden die Konzerte des Jahres 1982 noch im TU-Lichthof und in der Akademie der Künste statt, so konnten die INVENTIONEN '83 im kommenden Jahr eine gewissermaßen "eigene" Örtlichkeit beziehen: das Dachgeschoss des nun zur TU gehörigen AEG-Gebäudes in der Weddinger Ackerstraße. Hiermit waren völlig neue räumliche Voraussetzungen gegeben, die gerade in den folgenden Jahren auch zu künstlerischen Konsequenzen führten. Die zentrale Veranstaltung der INVENTIONEN '83 war die Berliner Erstaufführung von Luigi Nonos 1982 entstandenem "Diario Polacco Nr.23" - Nonos Werk stellt so gleichsam auch das ideelle Motto des Festivals, das sich in diesem Jahr in einem Schwerpunkt dem Schaffen zeitgenössischer polnischer Komponisten widmete. Die traditionell guten Kontakte des TU-Studios zum Experimentalstudio des polnischen Rundfunks wurden in den kommenden Jahren weiter ausgebaut. Ein Konzert mit neuen Produktionen amerikanischer Studios machte mit den aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Computermusik bekannt, wobei insbesondere die Tendenz sichtbar wurde, den Computerklängen "normale" Instrumente an die Seite zu stellen.
 
Den Schwerpunkt der INVENTIONEN '84 bildete eine umfangreiche Präsentation historischer und aktueller Arbeiten des Pariser INAoGRM Studios (Institut National de l'Audiovisuel - Groupe des Recherches Musicales). Dieses am ORTF beheimatete Studio leitet sich aus der musique-concrète Ästhetik Pierre Schaeffers her und markiert mit seinen in vielfacher Weise dem Hörspiel verpflichteten literarisch inspirierten Schaffen den künstlerischen Gegenpol zu einer eher auf "reine" Musik zielenden Ästhetik, wie sie das IRCAM oder auch die Kölner Anfänge der "elektrischen Musik" vertreten. Das INAoGRM hatte sein eigenes "Lautsprecherorchester" mitgebracht und errichtete damit in der weitläufigen Etage der Ackerstraße eine akustische Landschaft. Auch dies ist eine bis in die Anfänge des Studios zurückreichende Tradition: das auf dem Tonband fixierte musikalisch-literarische Kunstwerk ist kein auf ewig unverrückbar fixierter Vorgang. Die Reproduktion mittels des sich immer wieder wandelnden Lautsprecherorchesters, die in einem künstlerischen Akt vor Ort gesteuert wird, belebt erst das auf dem Band fixierte Rohmaterial. Das Konzept der experimentellen Klangerzeugung wurde bei den INVENTIONEN '84 um eine neue Facette bereichert. Zwar hatte schon 1982 Mario Bertoncini seine nach dem Prinzip der Äolsharfe gebauten Windinstrumente präsentiert, der selbstgebaute Klangerzeuger wurde aber erst jetzt auf breiterer Basis vorgestellt: sowohl die kanadische Gruppe "sonde" wie auch Herbert Försch-Tenge und Yoshimasa Wada experimentierten mit selbst entworfenen akustischen und elektroakustischen Instrumentarien. Ein Programm mit EM aus Lateinamerika eröffnete den Blick auf eine kaum bekannte musikalische Landschaft.
 
Die INVENTIONEN'85 legten den besonderen Akut auf die hierzulande wenig bekannte neuere EM aus Großbritannien und den Niederlanden. Der Aspekt selbstgebauter Klangerzeuger, der bereits im vorangegangenen Jahr vertreten war, wurde durch die selbstgebauten Instrumente Hans Karsten Raeckes, eine Installation des Berliner Künstlers Julius und die Musikmaschinen von Martin Riches weitergeführt, wobei die Wechselwirkung von bildender und akustischer Kunst bei den zwei letztgenannten Arbeiten deutlich spürbar wird. Richard Teitelbaum und George Lewis führten Improvisationen vor mit einem Netzwerk aus zwei auf Kleincomputern basierenden interaktiven Systemen (Teitelbaums "digital piano system" und Lewis' "rainbow family").
 
Die INVENTIONEN '86 standen unter dem gemeinsam mit der AdK gewählten Motto "Musik und Sprache", das in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts einen der zentralen Ströme des künstlerischen Denkens markiert. Die Spannbreite des Präsentierten reichte von neuesten elektroakustischen Kompositionen, elektroakustischen und instrumentalen Klassikern (wie Stockhausens "Gesang der Jünglinge" oder auch Messiaens "Meditations sur le Mystère de la Sainte Trinité", die die Buchstaben heiliger Texte direkt in einen musikalischen Text übertragen) über akustische Installationen (John Driscoll), einen umfangreichen Performanceteil (u.a. Dupuy, Lucier, Battistelli, Galas, Rühm), Workshops bis hin zu einer in Verbindung mit den Freunden der Deutschen Kinemathek zusammengestellten Reihe von Filmen zum Verhältnis von Sprache, Klang und bewegtem Bild. Der WDR hatte eine Audiothek "Komponisten als Hörspielmacher" zur Verfügung gestellt, die mit exemplarischen Werken den heutigen Stand einer autonomen Radiokunst dokumentierte. Besonderer Aufmerksamkeit erfreuten sich das von Willem de Ridder, Cora und Alvin Curran konzipierte und realisierte Projekt "Walkman Berlin 1986" sowie das Konzert der japanischen Karyobinga Sho-Myo-Gruppe, in der St. Sebastian Kirche mit eigens für diesen Mönchschor geschriebenen Stücken zeitgenössischer Komponisten.
 
 
c) Krisen-Intermezzo und Finanzierungsfragen
Nach 1986 trat für 3 Jahre eine Zwangspause ein. Das Festival hatte eine Größe erreicht, die allein aus eigenen Mitteln nicht mehr zu bewältigen war; der Kultursenator konnte aber den Veranstalter-Wünschen nach finanzieller Unterstützung nicht nachkommen (dies tat er praktisch auch später kaum - die Gelder bezog das Festival hauptsächlich aus dem "Lotto-Topf" oder anderen Senatsmitteln). Hinzu kam 1987 noch, daß die TU-Räume in der Ackerstraße verloren gingen, da sie wegen einer Asbest-Sanierung an den Architektur-Fachbereich fielen.
 
Eher als Zwischenspiel ist das kleine Festival "Musik im Februar" einzuschätzen: es waren die verkappten INVENTIONEN '87 mit Carles Santos, Alvin Curran und Maryanne Amachers. Der Name "Musik im Februar" - sozusagen Symbol für nicht durchsetzbare Projekte bzw. für die Weigerung, dem Rückschritt auch noch das Prädikat INVENTIONEN zu verleihen -- taucht nochmals 1991 auf, als man wieder wegen Einsparungen auf das eigentlich anvisierte große Festival verzichten mußte. (Übrigens dachte man auch 1996 und 1998 über den Namen INVENTIONEN lange nach, ehe er dann doch aus Gründen der Kontinuität übernommen wurde.) Nach der Wende nahm das Gerangel um die Finanzquellen zu, anfänglich sachte, aber ab 1993 um so dramatischer, der Senat erreichte, daß Musik-Biennale und INVENTIONEN nur noch alternierend (zweijährig) stattfinden. Das viel größere und zu DDR-Zeiten, aber auch noch nach der Wende brisantere Biennale-Festival fand den Anschluss an die Berliner Festspiel-GmbH, während es die INVENTIONEN ab 1994, mit dem Ausstieg der AdK als Veranstalter, ungleich schwerer hatten. Zwar fanden sie 1996 und 1998 statt, jedoch nur noch in wesentlich kleinerem Rahmen.
 
 
d) Periode 1989-1998
Bei den INVENTIONEN '89 wurden 4 Programm-Blöcke, die so gut wie gar nichts miteinander zu tun hatten, von 4 verschiedenen Parteien verantwortet. Dies waren die sehr aufwendige Ausstellung "Broken Musik" (DAAD und Gelbe Musik), "Bandbreite" (AdK, 7 Konzerte mit Schwerpunkt EM und Künstlerhaus Bethanien), "Musik für ca. 16 Saiten" (DAAD, 12 Streichquartett-Konzerte) und "The relative Violin" ("Freunde Guter Musik Berlin" & Jon Rose & Matthias Osterwold). Die TU trat - zum ersten und bislang einzigen Mal - nicht als Mitveranstalter auf, sondem beteiligte sich quasi nur als Gast. Das hatte seinen Grund in der als zu inkohärent empfundenen Programmkonzeption, bei der zudem der Anteil der EM äußerst gering war.
 
Die INVENTIONEN '90 betreute als Koordinator Michael Muschner. Das Programm deckte ein äußerst breites inhaltliches Spektrum ab, das neben Kammer- und Orchesterkonzerten eine Vorführung mit Jeanne Loriod an den Ondes Martenot ebenso einschloß wie die Fluxus-Performance "Umwälzung - fluxorum organum" von Henning Christiansen. Dazu wurde eine vollständige Retrospektive der Film- und Femsehproduktionen von Mauricio Kagel gezeigt.
 
1992 konnten die INVENTIONEN ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Ein Schwerpunkt des von Klaus Ebbeke koordinierten Programms war die Präsentation von acht längeren Kompositionen bzw. Werkzyklen von John Cage, unter anderem mit einem Auftritt von Les Percussions de Strasbourg ("But what about the noise of crumbling paper"). Das Schaffen von La Monte Young wurde mit der Aufführung von 12 wichtigen Werken sowie mit der 5 Wochen andauernden Licht- und Klanginstallation Dream House zelebriert. Weitere Höhepunkte waren die spektakulären Aufführungen von Robert Ashleys Opern "Improvement" und "eL/Aficionado".
 
Als inhaltlichen Schwerpunkte des Festivals INVENTIONEN '94 standen im Vordergrund
 
das Schaffen von Karlheinz Stockhausen, das mit der Präsentation von insgesamt 29 seiner Werke aus der Zeit von 1950 bis 1992 und einem mit führenden Stockhausen-Experten aus aller Welt hochkarätig besetzten Symposion ausführlich gewürdigt wurde und
Neue Musik für Schlagzeug, der 13 Konzerte und zwei Klanginstallationen gewidmet waren.

Die INVENTIONEN '96 waren dem Thema »Raum-Musik« gewidmet: u. a. verwandelte Christian Calon das Ballhaus Naunynstraße in einen begehbaren virtuellen Raum. Wolfgang Mitterer gab mit Hans-Ola Ericsson zwei Orgelkonzerte mit Live-Elektronik, und die Groupe de Recherches Musicales aus Paris präsentierte ihr Acousmonium.
 
Auch die INVENTIONEN '98 wiesen aus gegebenem Anlaß einen inhaltlichen Schwerpunkt auf: 50 Jahre musique concrète - dieses Motto vereinte die konkrete Musik dreier Komponistengenerationen. Unterschiedliche kompositorische Traditionslinien - mit dem "Hauptstrang" des heutigen Pariser Studios GRMoINA - kreuzten sich dabei in der gemeinsamen Verwendung eines eigens auf die Raumakustik der Parochialkirche ausgerichteten Lautsprechersystem aus dem Elektronischen Studio der TU Berlin. Der besonderen Ästhetik der musique concréte wurde zudem in "audiovisuellen" Konzerten entsprochen: die konzeptuelle Verknüpfung der Medien Klang und Film konnte hier auf vielfältige Weise erlebt werden. Geschichte und Gegenwart der musique concrète wurde überdies in einem begleitenden Symposium reflektiert.