Beitrag für die "Mitteilungen 31" (Dezember 1998) der Deutschen Gesellschaft für Elektroakustische Musik DEGEM
Übersicht:
| Einleitung | |
| Aufsätze | |
| Ausstellungen & Installationen | |
| Interpreten / Komponisten | |
| Geamtübersicht | |
| Kommentare / Zitate |
Die Veranstalter des Festivals INVENTIONEN waren ausnahmslos staatliche Institutionen: das Berliner Künstlerprogramm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), die Technische Universität Berlin - Elektronisches Studio (TU-Studio), die Akademie der Künste Berlin (AdK) sowie als Mitveranstalter zwei ARD-Anstalten (SFB; WDR), Ländervertretungen (British Council, Institut Français) und etliche kleinere Sponsoren. Dieses Bekenntnis zu staatlicher Kulturverantwortung für zeitgenössische Kunst hatte Tradition in Berlin, wo zur “Vorwendezeit” bei weitem mehr Geld verfügbar war als es zur Zeit der Fall ist. Als wichtigste Vorläufer des Festivals kann man nennen:
Hier spiegeln sich bereits einige Merkmale, die sich im INVENTIONEN-Profil wiederfinden:
Es ist nicht verwunderlich, dass sich als INVENTIONEN-Veranstalter zunächst der DAAD und die TU-Berlin, später (von 1984 bis 94) auch die AdK zusammentaten, gab es doch in den oben genannten und auch den zahlreichen anderen Einzel-Aktivitäten deutliche Gemeinsamkeiten und durchaus ähnliche Ziele. Zudem bestand der Wunsch, diese Interessen in einem großen Festival zu bündeln, welches sogar in den eigenen Räumlichkeiten und daher in eigener Regie stattfinden würde. Die Veranstalter ergänzten sich sinnvoll: DAAD und AdK lieferten den angemessenen Haushaltsrahmen und die Infrastruktur für die Verwaltung; die AdK stellte zudem ihre Räume am Hanseatenweg; die TU verfügte bis 1986 über das legendäre Gründerzeitgebäude in der Weddinger Ackerstr. und lieferte die technische Infrastruktur (beteiligte sich finanziell allerdings kaum). Dieses Trio zerbrach 1994 - seitdem sind die ursprünglichen beiden Veranstalter wieder unter sich, mit deutlich kleinerem Budget aber auch kompakterem Programm und einheitlicherem Profil.
Die Veranstalter setzten verständlicherweise auch eigennützige Akzente: Bevorzugung der eigenen Gastkünstler bzw. Mitglieder seitens DAAD und AdK, Bevorzugung der EM seitens des TU-Studios, Durchsetzung bestimmter Ästhetikvorstellungen. Dies mag der Grund dafür sein, dass zuweilen die Programmgestaltung nicht einheitlich wirken musste und - salopp gesagt - einen zirkusmäßigen Charakter ausstrahlte. Dies haben sich die Verantwortlichen zu Herzen genommen und versuchten - nicht immer mit Erfolg - Schwerpunkte zu setzten: “Sprache und Musik” 1986, “Musik für ca. 16 Saiten” 1989 {Thema Streichquartett}, der Komponist Luigi Nono 1991, John Cage 1992, “Schlagzeug” und “Stockhausen” 1994, “50 Jahre Musique concrète” 1998.
Interessant im Rückblick ist neben den eigentlichen Kunstveranstaltungen auch die Wirkung der Veranstaltungsräume: je nach Gattung passen Musik und Raum gut oder auch weniger gut zusammen; es zeigte sich, dass die traditionellen Konzertsäle (Philharmonie, SFB-Sendesäle, Studio 1 im Künstlerhaus Bethanien, das Studio der Akademie) zunehmend an Attraktivität verloren, da sie nach den architektonischen Vorstellungen des späten 19. Jahrhunderts ausgerichtet sind. Das ausgehende 20. Jahrhundert findet seine Wirkung eher in den “anderen” Räumen wie Foyers, Ausstellungshallen, Museen, Kirchen; eine besondere Situation stellte das TU-Gebäude Ackerstr. dar, wo auf 2400 qm in mehreren Hallen unabhängige Aktionen gleichzeitig stattfinden konnten. Hier musste die gesamte Infrastruktur selbst eingerichtet werden, sie war völlig offen und gleichzeitig auch ziemlich eingeschränkt. Das Ambiente war dementsprechend “primitiv” (hinsichtlich der Bestuhlung, der Sauberkeit, der Einrichtung, der selbsteingerichteten Cafeteria und Abendkasse, der Ausrüstung) wie auch hochentwickelt, da die Aufbauten den Erfordernissen genau angepasst werden konnten - dies kam den elektroakustsichen Aufbauten sowie dem Publikumsraum zu Gute; eine ähnliche Situation finden wir 10 Jahre später wieder in der Nutzung der Parochialkirche in Berlin Mitte für die INVENTIONEN 1996 und 1998.
Die Organisation des Festivals teilte sich generell in ein Vorbereitungsteam (Programmgestaltung, Programmbuch, Auftragsvergabe, Organisation allgemein wie z.B. Vertragsschlüsse, Antragstellungen, Finanzierung, Druck, Hotelbuchungen, Musikinstrumente etc.) und ein Veranstaltungsteam (praktische Realisation). Verantwortlich waren:
• Helga Retzer, René Block und von Anfang an bis jetzt als Hauptkoordinatorin Ingrid Beirer für den DAAD,
• Frank Michael Beyer, Nele Hertling und Christian Kneisel für die AdK (1984-94),
• Folkmar Hein für die TU Berlin.
Als Berater / Kuratoren wirkten zusätzlich: Eberhard Blum und Gerald Humel (1985 -1986 für “Sprachen der Künste” der AdK), Klaus Ebbeke (1986 - 1992; er hatte auch von 1985 bis 1992 die redaktionelle Verantwortung für das Programmbuch), Michael Muschner (1990), Elena Ungeheuer (1994), Helga de la Motte / Natalie Singer / Golo Föllmer (1998). An dieser Stelle sei vermerkt, dass der Verlauf der INVENTIONEN-Geschichte von zwei tragischen Todesfällen geprägt war: Helga Retzer starb 1984, Klaus Ebbeke 1993! In den Programmheften sind noch zahlreiche andere Namen genannt, die ebenfalls zum Gelingen des Festivals beitrugen: jeweils das gesamte Programmheft-Team, das Technik-Team, das Büro-Team; alle Teams rekrutierten sich fast ausschließlich aus TU-Studenten, darunter erfreulich viele Kommunikations- und Musikwissenschaftler - dies gab dem Festival den besonderen Touch. Die Teams wechselten, aber einige Namen tauchen immer wieder auf: Christian Melzer (in den Ackerst.-Jahren hauptverantwortlich für die Technik), die Tutoren des TU-Studios (Thomas Seelig, Bernd Schönhaar, Thomas Schneider, Gerhard Behles) sowie Matthias Kirschke; Bert Beelke und Frank Gertich in der Redaktion; Rüdiger Lange, Sebastian Brehmer im DAAD-Büro.
Die Programmhefte entwickelten sich von den wenigen Seiten des ersten Heftes 1982 (Umfang 14 Seiten) zu dicken Büchern bzw. Nachschlagewerken zum Thema EM und überhaupt zeitgenössische Musik mit bis zu 400 Seiten. Die Programmbücher 84, 85, 86, 89, 90, 92, 94 sowie weitere INVENTIONEN -Publikationen {Computermusiklehrgang von Klaus Buhlert, “Phasen” - eine Geschichte der EM von Klaus Ebbeke, Internationale Dokumentation der EM von Folkmar Hein e.a.} sind inzwischen beim Pfau-Verlag Saarbrücken erschienen. Alle Werke und Biografien (im Anhang der Programme) sind sorgfältig, teilweise sehr ausführlich beschrieben und kommentiert.
Zu den Themenschwerpunkten sind Aufsätze erschienen; auf folgende sei speziell hingewiesen:
1983:
Luigi Nono “Diario Polacco Nr. 2”
Jürg Stenzl “Luigi Nonos Neuer Weg” (aus Programmbuch Donaueschinger Musiktage 1982)
1984:
Klaus Ebbeke “Zum Komponieren heute”
1985:
Martin Supper “zur EM in Holland”
Tim Souster “zur EM in Großbritannien”
Klaus Ebbeke “Eine Überlegung zur Rolle des Schlagzeugs in unserem Jahrhundert”
1986:
Themenschwerpunkt “Musik und Sprache”
Gerhard Rühm “musik als sprache und bildschrift”
Reinhard Döhl “Musik - Radiokunst - Hörspiel”
Manfred Krause “Sprache in den Kompositionen des TU-Studios 1953-1975”
Claus-Henning Bachmann “Medien und Musik - Eine Schwarzmalerei”
Klaus Schöning “Anmerkungen zur ersten Acustica international 1985”
Wieland Schmied “die andere Zauberflöte - zu den Klangskulpturen von St. v. Huene”
Peter Weibel "Wertows Filmschrift"
1989:
7 Beiträge zu “The Relative Violin” von Jon Rose
Konrad Böhmer “Die elektrische Muse im Königreich der Niederlande”
Klaus Ebbeke “EM im deutschsprachigen Raum nach 1945”
ausführliche Kommentare zu der 12-teiligen Streichquartettreihe “Musik für ca. 16 Saiten”
1990:
Giselher Schubert “zum Kammerorchester des 20. Jahrhunderts”
ausführliche Informationen zum Gesamt-Film-Werk von Mauricio Kagel (alle 19 Filme)
Klaus Ebbeke “aber die Musik braucht ständig eine Krise - zu Kagel”
1991:
In memoriam Luigi Nono; Nono-Symposium
Hans Peter Haller “wir sollten studieren den Klang - suchen - probieren…”
Elena Ungeheuer “zur Linea Nono in der Geschichte der EM”
Claudio Abbado “Mein stiller Freund”
Klaus Kropfinger “Luigi Nono - Wege, nicht Werke”
1992:
Themenschwerpunkt John Cage
Klaus Ebbeke “Berlin - und der Rest der Welt”
Wolfgang Max Faust “Das Wort, die Musik, das Schweigen - Notizen zu John Cage”
Gesine Schröder “Fänge - Notizen zu John Cage”
Tom Johnson “Wie soll man John Cage aufführen”
Ivanka Stojanova “Auf der Suche nach dem ‘sinnenden Feuer’”
La Monte Young / Marian Zazeela “Kontinuierliche Klang-Licht-Enviroments”
1994:
Themenschwerpunkte mit ausführlichen Notizen: Karlheinz Stockhausen, Schlagzeug-Musik
Richard Toop “Stockhausen - die beiden ersten Jahrzehnte”
Hugh Davies “einige persönliche Erinnerungen an Stockhausens Gebrauch des Schlagzeugs
Michael Kurtz “Aus den sieben Tagen”
Pascal Decroupet "Worte und Gedanken, Stockhausens Rundfunkvorträge und Schriften
Hugh Davies “Das Schlagzeug in Klangskulpturen und -installationen”
Klaus Ebbeke “Eine Überlegung zur Rolle des Schlagzeugs in unserem Jahrhundert”
Frank Gertich “40 Jahre Elektronisches Studio der TU Berlin”
Peter Garland "Gordon Monahan - Maschinen und die Klänge
1996:
Nathalie Singer “von der musique concrète zur recherche musicale”
1998:
Thema “50 Jahre Musique concrète”, Ausstellung, Symposium (dazu erscheint der Symposiumsband Anfang 1999 im Pfau-Verlag Saarbrücken, ISBN 3-89727-053-6)
Einen breiten Raum nahmen im Gegensatz zu den “einmaligen” Konzerten die über die gesamte Festivaldauer geöffneten Ausstellungen und Installationen ein – es war natürlich immer von Vorteil, dass sowohl AdK als auch DAAD über entsprechende Ausstellungsräume verfügen ! Die Herausgabe eines Katalogs war nicht immer zu gegeben:
1984: Installationen von Bill Fontana, Bernhard Leitner
1985: Installation von Rolf Julius
1986: WDR-Audiothek “Komponisten als Hörspielmacher”;
Partituren & akustische Installationen von John Driscoll, Jean Dupuy, Stephan von Huene, Gerhard Rühm, Emmett Williams
1989: Broken Music (Schallplatten von Bildenden Künstlern, Schallplattenobjekte, -installationen)
1990: Martin Daske (Folianten), Joe Jones (the music store), Joe Jones (music machines)
1991: Luigi Nono; Alvin Lucier
1992: Takehisa Kosu, Carles Santos, La Monte Young / Marian Zazeela
1994: Christian Marclay, Martin Riches, Stephan von Huene
1996: Installation Christian Calon (the standing man) und Robin Minard (daad-Galerie)
1998: Audiovisuelle Ausstellung “acousmatic visions - 50 Jahre musique concrète und die GRM”
Wo wir schon auf dem Wege zu statistischen Betrachtungen und Aufzählung von Schwerpunkten sind: nur selten kam es vor, dass Werke während der ganzen 16-jährigen Geschichte zwei- oder mehrfach gespielt wurden (dies trifft nur zu für Stockhausens “Kontakte”, “Gesang der Jünglinge” und “Mantra”; allein “Pléjades” von Xenakis wurde dreimal dargeboten); aber es gab natürlich Dopplungen bei den Komponisten, Interpreten und Studios, mit denen das Festival besonders enge Beziehungen pflegte: dies war die Heinrich Strobel Stiftung (10 Mal!) und in den Anfangsjahren das EMS Stockholm (4) und über die ganzen Jahre hinweg die INA-GRM (84, 96 und 98); es war immer wieder das Arditti-Quartett (8 Mal), auch Eberhard Blum (8) und Beate Gabriela Schmitt (5) und sehr oft Schlagzeuger - siehe auch den Aufsatz von Ebbeke - darunter anfänglich ständig Martin Schulz (9 Mal) und Robin Schulkowsky (5).
Unter den 262 Interpreten/Ensembles (das Projekt The relative Violin nicht mitgezählt) seien folgende genannt, die mindestens 3 Mal und in verschiedenen Jahren auftraten:
Arditti Quartett 94 (2) 92 (2) 89 (4) 8
Bertoncini 85 84 82 3
Blum 91 89 86 (3) 85 (2) 83 8
EMS-Stockholm 86 84 83 82 4
Ensemble Köln (Platz) 94 (2) 92 3
Ensemble Modern
94 (My), 91 (Tamayo, Zender) 3
Hirayama 92 84 83 3
Kaliga 94 92 (2) 3
Marks 84 (2) 83 3
Moss 94 (2) 92 (2) 4
Ranta 85 (3) 3
Schmitt 92 86 85 83 82 5
Schroeder 89 86 (3) 4
Schulkowsky 94 (3) 86 & Gruppe 94 5
Schulz 86 (3) 85 84 (2) 83 (2) 82 9
Strobel Stiftung (Richard) 94 91 (2) 90
Strobel Stiftung (Haller) 89 (2) 85 83 (2) 10
Teitelbaum 92 85 84 3
Vogt 92 (2) 90 3
Wambach 91 86 (2) 3
| Stockhausen (51), Kagel (26), Cage (23), Nono (19), La Monte Young (14), Mandolini (13) und Xenakis (12) - in Klammern die Anzahl der aufgeführten Werke |
Insgesamt waren bis 1999 381 verschiedene Komponisten vertreten;
davon wurden 96 mindestens in zwei Festivals und folgende
48 aufgelisteten Komponisten mindestens in drei Inventionen-Festivals gespielt {Name / Jahr (Zahl)}, wenn keine Zahl genannt: einmal
Bayle 98 (3), 96 (2), 84 (4)
Bertoncini 94, 85 (2), 84, 82
Beyer 94, 92 (2), 89, 86
Cage 94(4), 92(8), 91(5), 90, 89, 86(2), 85, 84
Chin 98, 94, 92, 90
Christiansen 90, 89, 86
Donatoni 94, 91, 89
Dubrovay 86, 85, 84
Dufour 96, 90, 84
Eloy 92 (6), 85 (2)
Enström 92 (2), 84, 82
Feldman 96, 94, 90, 89 (2)
Ferneyhough 94, 90, 89
Finnendahl 94, 89, 86
Glandien 94, 92, 90
Grisey 94, 92, 90
Harrison 94, 90, 85
Henry 98, 96, 86 (2)
Humel 92, 90, 86, 85
Johnson, Tom 90, 86 (2)
Kagel 94 (3), 90 (21), 89, 86
Kang 86, 85, 84, 83, 82 (2)
Katzer 94, 92, 91, 90, 86
Kessler 91, 86, 83 (2)
Kosk 98, 94, 92
La Monte Young 92 (13), 89
Lachenmann 94, 92, 89, 85
Lucier 91 (5), 86
Mandolini 91, 86 (2), 85, 84, 83 (8)
Minard 98, 94, 91
Mitterer 98, 96 (3)
Nono 91 (12), 90 (2), 89, 86 (3), 83
Olbrisch 98, 96, 92
Parmegiani 98, 96, 90, 84 (4)
Parmerud 96, 92 (4), 89, 83, 82
Pfrengle 92, 85, 84 (2), 83 (2), 82
Riches 94, 85 (3), 83
Santos 92 (2), 86
Scelsi 92, 91, 90, 89
Schaeffer 96 (3), 86 (2), 84
Schnebel 94, 92, 89 (2), 86, 85 (2)
Stockhausen 96, 94(32), 90(12), 89, 86(3), 85, 83
Teitelbaum 92, 86, 85, 84
Ungvary 94, 92, 91, 84, 82
Wolff 94, 90, 89
Xenakis 94 (2), 92, 91, 90, 89, 85 (2), 84, 82 (3)
Yun 92, 89, 85
Zapf 94, 92, 90
|
Jahr |
Konzerte |
Werke (UA) |
Komponisten |
|
1982 |
4 |
16 (2) |
13 |
|
1983 |
9 |
33 (4) |
23 |
|
1984 |
12 |
48 (8) |
36 |
|
1985 |
14+4 |
73 (6) |
49 |
|
1986 |
31 |
87 (15) |
65 |
|
1989 |
7+12+4 |
74 (10)+39 (16) |
62+30 |
|
1990 |
23 |
139 (13) |
88 |
|
1991 |
11 |
42 (11) |
23 |
|
1992 |
34 |
102 (14) |
69 |
|
1994 |
33 |
112 (23) |
72 |
|
1996 |
9 |
49 (5) |
39 |
|
1998 |
5 |
26 (15) |
26 |
Die Festival-Geschichte kann man in Stellungnahmen und Kommentaren noch detaillierter nachlesen in:
• “Blickwechsel - 25 Jahre Berliner Künstlerprogramm”
herausgegeben von Stefanie Endlich & Rainer Höynck, Argon Verlag Berlin 1988
• “Musik…, verwandelt” von Frank Gertich, Julia Gerlach & Golo Föllmer,
Wolke Verlag 1996.
Zudem hat der DAAD jeweils die Pressereaktionen zum Festival zusammengestellt, die inzwischen in ihrem historischen Kontext interessant werden.
Aus diesen Publikationen seien einige Zitate übernommen.
Der Autor dieses Artikels schrieb in “Blickwechsel”:
ermutigt durch den Erfolg der “stimmen-Konzerte” war der nächste, größere Schritt hin zu den INVENTIONEN nur folgerichtig: während des Warschauer Herbstes 1981 nachts gegen 3 Uhr in der Küche von Jozef Patkowski entstand das erste Programm, das ich dann mit dem Komponisten Sukhi Kang, der auch den Namen des Festivals erfand, und Helga Retzer detailliert weiterplante und realisierte.
Klaus Ebbeke kommentiert in “Blickwechsel” zur ersten INVENTIONEN-Periode 1982-1986:
Nach den Metamusikfestivals der siebziger Jahre fehlte ein regelmäßiges Forum, um Musik von BKP-Gästen {Berliner Künstlerprogramm des DAAD gemeint} , deren Schaffen einen eher experimentellen Charakter hatte und deshalb in die Berliner Konzertlandschaft nicht recht zu integrieren war, einem Berliner Publikum vorzustellen. Die unter solcher Perspektive in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste initiierte Konzertreihe “Klangfiguren” nahm eine andere Entwicklung. Daher wurde mit der 1981 in Zusammenarbeit mit dem TU-Studio unter dem Titel “stimmen” veranstalteten Reihe von Konzerten ein neuer Ansatz gesucht, der insbesondere auch der Wechselwirkung von Musik und Technik wieder einen breiteren Raum bereitstellen sollte. … Es war die Idee von Anfang an, nicht allein neue - oder auch in Berlin wenig bekannte - Werke von BKP-Gästen aufzuführen; zugleich wurde der Dialog mit der anderen zeitgenössischen Produktion, aber auch mit der Geschichte gesucht. Damit sollte der bloßen Aneinanderreihung von Novitäten … ein Gegengewicht geschaffen werden, das durch diese doppelte, sowohl historische als auch zeitgenössische Standortbestimmung das jeweilige Werk schärfer konturiert. Zum anderen war an diese Überlegungen der schüchterne Versuch geknüpft, durch das simple Faktum, auch ältere, in ihrer Qualität jedoch unbestrittene, gleichsam “klassische” Kompositionen zur Aufführung zu bringen, Beiträge zu einer Art elektroakustischen “Repertoires” zu leisten. Dadurch sollte dem … weitverbreiteten unreflektierten Fortschrittsglauben ein kleines Korrektiv entgegengesetzt werden. Schon das erste Jahr der INVENTIONEN, 1982, zeigte mit seinen vier Abenden dieses dreifache Bemühen. Im ersten Konzert wurden aktuelle Arbeiten von Mario Bertoncini und Sukhi Kang zusammen mit einer ebenfalls im TU-Studio entstandenen Arbeit von Takehito Shimazu und einer Komposition des Berliner Komponisten Roland Pfrengle vorgeführt. Ein Querschnitt durch die neueste Produktion des Stockholmer EMS und eine Aufführung des Wiener K&K Experimentalstudios erweiterten die zeitgenössische Dimension. Der Höhepunkt des Jahres 1982 war der in Zusammenarbeit mit dem WDR veranstaltete Abend mit älteren und neueren elektroakustischen Kompositionen von Iannis Xenakis.
Fanden die Konzerte des Jahres 1982 noch im TU-Lichthof und in der Akademie der Künste statt, so konnten die INVENTIONEN’83 im kommenden Jahr eine gewissermaßen “eigene” Örtlichkeit beziehen: das Dachgeschoss des nun zur TU gehörigen AEG-Gebäudes in der Weddinger Ackerstr. Hiermit waren völlig neue räumliche Voraussetzungen gegeben, die gerade in den folgenden Jahren auch zu künstlerischen Konsequenzen führten. Die zentrale Veranstaltung der INVENTIONEN’83 war die Berliner Erstaufführung von Luigi Nonos 1982 entstandenem “Diario Polacco Nr.2” - Nonos Werk stellt so gleichsam auch das ideelle Motto des Festivals, das sich in diesem Jahr in einem Schwerpunkt dem Schaffen zeitgenössischer polnischer Komponisten widmete. Die traditionell guten Kontakte des TU-Studios zum Experimentalstudio des polnischen Rundfunks wurden in den kommenden Jahren weiter ausgebaut. Ein Konzert mit neuen Produktionen amerikanischer Studios machte mit den aktuellen Entwicklungen auf dem Gebiet der Computermusik bekannt, wobei insbesondere die Tendenz sichtbar wurde, den Computerklängen “normale” Instrumente an die Seite zu stellen.
Den Schwerpunkt der INVENTIONEN’84 bildete eine umfangreiche Präsentation historischer und aktueller Arbeiten des Pariser INA-GRM….. Das INA-GRM hatte sein eigenes “Lautsprecherorchester” mitgebracht und errichtete damit in der weitläufigen Etage der Ackerstraße eine akustische Landschaft. Auch dies ist eine bis in die Anfänge des Studios zurückreichende Tradition: das auf dem Tonband fixierte musikalisch-literarische Kunstwerk ist kein auf ewig unverrückbar fixierter Vorgang. Die Reproduktion mittels des sich immer wieder wandelnden Lautsprecherorchesters, die in einem künstlerischen Akt vor Ort gesteuert wird, belebt erst das auf dem Band fixierte Rohmaterial. Das Konzept der experimentellen Klangerzeugung wurde bei den INVENTIONEN’84 um eine neue Facette bereichert. Zwar hatte schon 1982 Mario Bertoncini seine nach dem Prinzip der Äolsharfe gebauten Windinstrumente präsentiert, der selbstgebaute Klangerzeuger wurde aber erst jetzt auf breiterer Basis vorgestellt: sowohl die kanadische Gruppe “sonde” wie auch Herbert Försch-Tenge und Yoshimasa Wada experimentierten mit selbst entworfenen akustischen und elektroakustischen Instrumentarien. Ob eine derartige Abkehr von der musikalischen Hochtechnologie als bewußter Schritt zu einer “armen Musik” verstanden werden kann, muß dahingestellt bleiben. Daß jedoch gerade in einer Situation scheinbar unbegrenzter technischer Möglichkeiten ein größerer Kreis von Musikern eine ebenso phantasievolle wie regide Beschränkung seiner Mittel sich auflegt, deutet auf ein zunehmend kritisches Verhältnis gegenüber den neuen Technologien. Ein Programm mit EM aus Lateinamerika eröffnete den Blick auf eine kaum bekannte musikalische Landschaft, eine Musik, die sich dagegen ganz expliziet als “arme Musik” empfindet.
Die INVENTIONEN’85 legten den besonderen Akut auf die hierzulande wenig bekannte neuere EM aus Großbritannien und den Niederlanden. Der Aspekt selbstgebauter Klangerzeuger, der bereits im vorangegangenen Jahr vertreten war, wurde durch die selbstgebauten Instrumente Hans Karsten Raeckes, eine Installation des Berliner Künstlers Julius und die Musikmaschinen von Martin Riches weitergeführt, wobei die Wechselwirkung von bildender und akustischer Kunst bei den zwei letztgenannten Arbeiten deutlich spürbar wird. Richard Teitelbaum und George Lewis führten Improvisationen vor mit einem Netzwerk aus zwei auf Kleincomputern basierenden interaktiven Systemen (Teitelbaums “digital piano system” und Lewis’ “rainbow family”). …
Die INVENTIONEN’86 standen unter dem gemeinsam mit der AdK gewählten Motto “Musik und Sprache”, das in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts einen der zentralen Ströme des künstlerischen Denkens markiert. Die Spannbreite des Präsentierten reichte von neuesten elektroakustischen Kompositionen, elektroakustischen und instrumentalen Klassikern (wie Stockhausens “Gesang der Jünglinge” oder auch Messiaens “Meditations sur le Mystère de la Sainte Trinité” - die die Buchstaben heiliger Texte direkt in einen musikalischen Text übertragen-) über akustische Installationen (John Driscoll), einen umfangreichen Performanceteil (u.a. Dupuy, Lucier, Battistelli, Galas, Rühm), Workshops bis hin zu einer in Verbindung mit den Freunden der Deutschen Kinemathek zusammengestellten Reihe von Filmen zum Verhältnis von Sprache, Klang und bewegtem Bild. Der WDR hatte eine Audiothek “Komponisten als Hörspielmacher” zur Verfügung gestellt, die mit exemplarischen Werken den heutigen Stand einer autonomen Radiokunst dokumentierte. Besonderer Aufmerksamkeit erfreuten sich das von Willem de Ridder, Cora und Alvin Curran konzipierte und realisierte Projekt “Walkman Berlin 1986” sowie das Konzert der japanischen Karyobinga Sho-Myo-Gruppe in der Sebastian Kirche mit eigens für diesen Mönchschor geschriebenen Stücken zeitgenössischer Komponisten.
Soweit Klaus Ebbeke in “Blickwechsel”.
Im gleichen Band wird noch Gisela Gronemeyer zitiert, die in MusikTexte folgendes schrieb:
das Herzstück der INVENTIONEN’86 war gleich zu Beginn ein Performance-Weekend, bei dem die Ereignisse im Schlagabtausch aufeinander folgten und das Publikum von einer der zahlreichen riesigen, mit Teppichboden ausgelegten Fabrikhallen in die nächste zog. Es gab nur wenige Stühle, die meisten saßen oder lagen auf Schaumstoffkissen und fühlten sich in der zwanglosen Umgebung eigentlich ganz wohl. In Köln oder Frankfurt wäre es schon sehr viel schwerer gewesen, ein solch enthusiastisches Publikum für neue Musik in eine Fabrik am Rande der Stadt zu locken, während die Berliner Szene für solche Dinge empfänglich scheint. Der Beitrag der AdK in deren eigenen Räumen hielt sich demgegenüber in weit konventionellerem Rahmen.
Nach 1986 trat für 3 Jahre eine Zwangspause ein. Das Festival hatte eine Größe erreicht, die allein aus eigenen Mitteln nicht mehr zu bewältigen war; der Kultursenator konnte aber den Veranstalter-Wünschen nach finanzieller Unterstützung nicht nachkommen (dies tat er praktisch auch später kaum - die Gelder bezog das Festival hauptsächlich aus dem “Lotto-Topf” oder anderen Senatsmitteln). Hinzu kam 1987 noch, dass die TU-Räume in der Ackerstr. verloren gingen, da sie wegen einer Asbest-Sanierung an den Architektur-Fachbereich fielen; das TU-Studio durfte im Rahmen von “Tillsammans - Schweden in Berlin” die geliebten Hallen 1987 letztmalig nutzen - ab nun begann der Kampf um die “richtigen” Räume!
Eher als Zwischenspiel ist das kleine Festival “Musik im Februar” einzuschätzen: es waren die verkappten INVENTIONEN’87 mit Carles Santos, Alvin Curran und Maryanne Amachers. Der Name “Musik im Februar” - sozusagen Symbol für nicht durchsetzbare Projekte bzw. für die Weigerung, dem Rückschritt auch noch das Prädikat INVENTIONEN zu verleihen - taucht nochmals 1991 auf, als man wieder wegen Einsparungen auf das eigentlich anvisierte große Festival verzichten musste. Übrigens dachte man auch 1996 und 1998 über den Namen INVENTIONEN lange nach, ehe er dann doch aus Gründen der Kontinuität übernommen wurde.
Nach der Wende nahm das Gerangel um die Finanzquellen zu, anfänglich sachte, aber ab 1993 um so dramatischer; der Senat erreichte, dass Musik-Biennale und INVENTIONEN nur noch alternierend (zweijährig) stattfinden. Das viel größere und zu DDR-Zeiten aber auch noch nach der Wende brisantere Biennale-Festival fand den Anschluss an die Berliner Festspiel-GmbH, während es ab 1994 mit den INVENTIONEN steil bergab ging: als die AdK in diesem Festival keine Perspektive mehr sah und 1994 sang- und klanglos ausstieg, fanden die INVENTIONEN 1996 und 1998 nur noch in wesentlich kleinerem Rahmen, aber dennoch statt.
Frank Gertich teilt wie Ebbeke die INVENTIONEN-Zeit ebenfalls in zwei Epochen: 1982 bis 1986 und 1989 bis 1996. Seine Kommentare geißeln gewissermaßen die unhomogene Programmgestaltung nach der Zwangspause 1987-88, die äußerlich durch ganz andere Plakatentwürfe und u.a. durch die Vielzahl der Aufführungsorte sichtbar und die inhaltlich durch parallele Programmschienen deutlich wurde: tatsächlich beinhaltet das Programmbuch 1989 gleich 4 Blöcke, die so gut wie gar nichts miteinander zu tun haben, im Buch auch ganz getrennt auftauchen und eben verraten, dass sich hier 4 Parteien den Kuchen teilen; dies waren die sehr aufwendige Ausstellung “Broken Music” (DAAD und Gelbe Musik), “Bandbreite” (AdK - Schwerpunkt EM mit 7 Konzerten, darunter das einzige Konzert der INVENTIONEN, wo das gesamte Publikum gelangweilt den Saal verließ - Bethanien), “Musik für ca. 16 Saiten” (DAAD, 12 Streichquartett-Konzerte) und “The relative Violin” (“Freunde Guter Musik Berlin” & Jon Rose & Matthias Osterwold, die auf diese Weise sozusagen ein Unterfestival einnisten konnten). Ein solch zusammenhangloses Programmgebilde, wo noch dazu die EM ziemlich zurückgestutzt war, wollte das TU-Studio nicht mitverantworten (1989 war die TU das einzige Mal kein Mitveranstalter, sondern beteiligte sich sozusagen nur gastweise).
Frank Gertich kommentiert in “Musik…, verwandelt”:
Die INVENTIONEN’90 betreute als Koordinator Michael Muschner. Das Programm deckte ein äußerst breites inhaltliches Spektrum ab, das neben Kammer- und Orchesterkonzerten eine Vorführung mit Jeanne Loriod an den Ondes Martenot ebenso einschloß wie die Fluxus-Performance “Umwälzung - fluxorum organum” von Henning Christiansen. Dazu wurde eine vollständige Retrospektive der Film- und Fernsehproduktionen von Mauricio Kagel gezeigt.…
… 1992 konnten die INVENTIONEN ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Ein Schwerpunkt des von Klaus Ebbeke koordinierten Programms war die Präsentation von acht längeren Kompositionen bzw. Werkzyklen von John Cage, unter anderem mit einem Auftritt von Les Percussions de Strasbourg (But what about the noise of crumbling paper). Das Schaffen von La Monte Young wurde mit der Aufführung von 12 wichtigen Werken sowie mit der 5 Wochen andauernden Licht- und Klanginstallation Dream House zelebriert. Weitere Höhepunkte waren die spektakulären Aufführungen von Robert Ashleys Opern “Improvement”und “eL/Aficionado”. …
…Als inhaltlichen Schwerpunkte des Festivals INVENTIONEN’94 standen im Vordergrund a) das Schaffen von Karlheinz Stockhausen, das mit der Präsentation von insgesamt 29 seiner Werke aus der Zeit von 1950 bis 1992 und einem mit führenden Stockhausen-Experten aus aller Welt hochkarätig besetzten Symposion ausführlich gewürdigt wurde und b) Neue Musik für Schlagzeug, der 13 Konzerte und zwei Klanginstallationen gewidmet waren.
Der Festivalverlauf hat inzwischen alle Höhen und Tiefen durchgemacht: was die Kosten angeht, was die Räume, die Pressepräsenz und die Besucherzahlen angeht, was den Ärger mit den Instrumenten, den Ärger mit den Hauswarten und Verwaltungen und was auch die Musik selbst und die Freude angeht: es hat vor allem immer Spaß gemacht und das Festival blieb von schlimmen Pannen verschont. Diese Einschätzung wünsche ich mir auch mit dem Publikum und allen Mitarbeitern zu teilen - schon in Erwartung auf die INVENTIONEN’2000!
Folkmar Hein (Ende 1998)